Begegnungshof

authentisch ~ natürlich ~ bewusst

Der "Oeschbergschnitt"

  

Der „Oeschberg“ bezeichnet in der schweizerischen Gemeinde Koppingen den Ort, wo heute das „INFORAMA“ angesiedelt ist. Das ist das Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrum für Land- und Hauswirtschaft im Kanton Bern mit seiner größten Institution, der Gartenbauschule. Über die Grenzen bekannt wurde der „Oeschberg“ in Fachkreisen durch die Methode, die Hans Spreng zur Erziehung großkroniger Obstbäume bereits Ender der 1920er Jahre dort entwickelt hatte. Er war damals Leiter der „Schweizerischen Zentralstelle für Obstbau“.

Bis dato, und auch noch lange in der Folge, wurde der „Alt-Württemberger Schnitt“ gelehrt.  Diese Methode empfahl die Erziehung einer zweiten Astserie auf Lücke.   

 

Das Motto lautete: Viel Holz, viele Äpfel, viel Gewinn!                                                                                                  (ob das mit dem Gewinn stimmen kann, wenn die Qualität nicht sitmmt, sei dahingestellt)

"Mehrstöcker" - Zeichnung OGV Mössingen

Heute zeigen uns derartige alten Obstbaumkronen, dass es zur Überbauung und in dessen Folge zur Beschattung und Verkahlung der unteren und inneren Kronenpartien geführt hat, mit dem Ergebnis, dass qualitativ hochwertige Früchte nur in den oberen bzw. äußeren Bereichen des Baumes zu finden sind.

Hinzu kommen noch der erhöhte Schnittaufwand auf den flachen Ästen und die ungünstigen statische Entwicklung im Baum.

Ein Umdenken griff trotzdem nur langsam auf den süddeutschen Raum über. Nach einem beruflichen Aufenthalt in Oeschberg versuchte Helmut Palmer, ab den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts diesen Schnitt als „Oeschberg-Palmer-Schnitt“ in Baden-Württemberg einzuführen. Er begnügte sich nicht allein damit das Gelernte zu praktizieren, sondern entwickelte die Schnitttechnik fort. Da dies, auch aufgrund seines kompromisslosen Auftretens, bei den damaligen Fachberatern nicht auf die gewünschten offenen Ohren traf, kam es zum sog. „Württembergischen Obstbaukrieg“. Im weiteren Verlauf erkannten verschiedene Fachleute die Vorzüge der neuen Schnitttechnik zunehmend an und propagierten diese.   

 

Heute ist der Oeschbergschnitt bei der Erziehung von Hochstamm-Kronen weitestgehend Lehrmeinung. Die Merkmale des Oeschbergschnittes liegen darin, dass sich um einen Mitteltrieb 4 gleichmäßig verteilte Leitäste als Grundgerüst formieren. Es gibt keine zweite „Etage“ und die weiteren Äste an den Leitästen sind diesen untergeordnet. Die Leitäste entspringen idealer Weise flach aus dem Stamm und steigen dann auf ca. 45° an. Dadurch ist eine bestmögliche Statik erreicht. Der Mitteltrieb seinerseits ist als Spindel gezogen, die an waagerechten Ästen mit Fruchtholz garniert ist. Die Vorteile liegen darin, dass ausreichend Licht in alle Partien des Baumes gelangen kann. Die Früchte reifen dadurch zu qualitativ hochwertigem Obst heran.  Der Baum trocknet nach Feuchtigkeit gut ab, was den Krankheitsbefall reduzieren hilft. Die günstige Statik lässt den Baum auch unter Vollertrag seine Früchte ohne Astbruch und Stützen tragen. Die Form ermöglicht zudem ein gutes Arbeiten und Ernten in allen Baumbereichen.


Auf der Seite des OGV Rietenau läßt sich zu alldem noch mehr an Informationen finden. Auch ich habe mich für diese Zusammenfassung dort "bedient".

Nach meiner Überzeugung gibt es nicht DEN "Oeschbergschnitt", denn jeder Baum und die jeweiligen Bedingungen sind sehr individuell. Der entscheidende Faktor ist aber der Mensch, der den Schnitt ausführt. Darum kann auch das jeweilige Schnittbild in Nuancen unterschiedlich ausfallen. Wichtig ist, dass die Ideen, die Speng und Palmer hatten erhalten bleiben und durch die persönlichen Erfahrungswerte bereichert werden. Darum ist es auch wichtig eine gute "Schnitt-Schule" zu besuchen. Ein Tageskurs kann nach meiner persönlichen Einschätzung nur ein Einstieg sein.

Das Motto sollte nunmehr lauten:

Wenig Äste, viel Licht, viel Qualität!

Vor und nach dem Schnitt